Wenn der Hammer den Flügel trifft

EUSKIRCHEN. 

Bei dem Anblick zuckt der Musikfreund unwillkürlich zusammen: Mit einem 800 Gramm schweren Hammer drischt Michael Becker auf den alten Flügel ein. Doch der Klavierbauer will den ehrwürdigen Bechstein aus dem Jahre 1879 nicht etwa zerstören, sondern „besaiten“, wie er selbst sagt. Und das ist nichts für zartbesaitete Menschen, weil es eben mit viel Lärm verbunden ist. Becker trägt deshalb für die vier oder fünf Hammerschläge, mit denen er Metallwirbel in das Holz des Musikinstruments treibt, einen Gehörschutz.

Einen Bechstein-Flügel aus dem Jahr 1879 zu restaurieren sei „schon eine aufregende Sache“, meint der Euskirchener. Auch für einen erfahrenen Klavierbauer wie ihn ist die Arbeit an dem Flügel aus dem vorletzten Jahrhundert nicht alltäglich. Beim Restaurieren merkt er in jedem Detail die qualitätsversessene Verarbeitung damaliger Geräte.

Gussrahmen wiegt 200 Kilogramm

Mit drei Kollegen musste der Inhaber von „Piano Becker“ an der Kommerner Straße in Euskirchen den 200 Kilogramm schweren Guss-Rahmen in seiner kleinen Werkstatt aus dem Flügel hieven. Denn der nur wenige Millimeter dicke Resonanzboden hatte Risse, die geschlossen werden mussten.

Doch bis dahin war es ein langer Weg. „Erst einmal mussten wir das Instrument trocknen, um alle Risse sichtbar zu machen. Dann haben wir sie repariert und den Resonanzboden mit Schellack lackiert“, schildert Becker. Dies dauerte einen Monat und fand unter einem Kunststoffzelt bei 40 Grad Temperatur und maximal 35 Prozent Luftfeuchtigkeit statt.

Mittlerweile liegt der schwere Gussrahmen wieder im Holzgehäuse des Flügels. Becker und sein Kollege Udo Korten haben bereits begonnen, die 200 Saiten des Flügels neu zu bespannen. Und dazu setzen sie halt den schweren Hammer ein. Denn die neuen Metallwirbel müssen bis zu 90 Kilogramm Zuglast aushalten, wenn später einmal der Filzhammer auf die Saite schlägt und den Ton erzeugt, der vom Resonanzboden verstärkt wird.

Auch die Hammerköpfe werden ersetzt und millimetergenau ausgerichtet. Die Hammerköpfe übrigens bezieht der Klavierbauer aus Bayern, die Bass-Saiten aus einer Saitenspinnerei in Siegen, die Drahtsaiten auch aus Bayern. Der 49-Jährige gelernte Orgelbauer verwendet traditionelle Werkstoffe: Zum Ankleben der Filzhämmer etwa kocht er Knochenleim auf.

Becker hat für die gründliche Aufarbeitung des Bechstein-Flügels mit der Fabrik-Nummer 10990 und dem siegelartigen Wappen der Schutzmarke im Gussrahmen eine Gesamtzeit von vier Monaten veranschlagt. Wenn das Instrument wieder bespielbar sein wird, werden die 85 Tasten exakt ausgerichtet sein und fast gleiche Druckpunkte haben. Dann werden die 200 Saiten justiert und tongenau gestimmt sein. Dabei muss sich der Klavierbauer letztlich bei aller Messtechnik auf „sein Bauchgefühl“ verlassen, denn am Schluss muss der Flügel einen harmonischen Gesamtklang vermitteln.

Billig ist diese Generalüberholung nicht. Becker rechnet mit „gut 9000 Euro“. Und damit kostet die Aufarbeitung des 131 Jahre alten Flügels fast das Doppelte des Unrestaurierten. Später wird der Bechstein dann wohl um die 15 000 Euro wert sein und bei Beckers Auftragsgeber, einer Familie aus Weilerswist, wieder für den guten Ton bei der Hausmusik sorgen.

 

Rundschau

Neue Saiten werden aufgespannt.

KoelnerStadtAnzeiger