Gehör ist das wichtigste Werkzeug

Nur einmal im Jahr nimmt der Experte einen derart großen Auftrag an.

Euskirchen - Michael Becker ist wohl einer der wenigen, die sich zurzeit über das eher kühle Sommerwetter freuen. Ansonsten käme der 44-jährige Klavierbauer in seiner Werkstatt nämlich gehörig ins Schwitzen. Momentan herrschen dort Temperaturen, wie sie eigentlich vor der Tür zu erwarten wären - um die 30 Grad.

Grund dafür ist ein Bechstein-Flügel, der gerade von Becker generalüberholt wird. „Ich trockne das Holz komplett aus, damit die vorhandenen Risse im Resonanzboden größer werden und anschließend besser verleimt werden können“, erklärt der Handwerker. Das Instrument, das Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut wurde, steht dafür unter einer Zeltplane. Ein Anblick, der viele Kunden, die in Beckers Geschäft an der Kommerner Straße kommen, zunächst verwundert.

Scheppernder Klang

Die Arbeit, die der gelernte Orgel- und Klavierbauer an dem betagten, wertvollen Instrument leistet, ist eine Mischung aus klassischem Handwerk und Intuition. Um dem Resonanzboden eines alten Flügels, dessen Spannung sich mit den Jahren verliert und dadurch einen scheppernden Klang verursacht, wieder die richtige Wölbung zu verpassen, werden unter anderem Keile eingeschlagen. Becker macht dies nach Gehör, „sie müssen gleich fest klingen

Überhaupt sind ein ausgeprägtes Gehör und musikalisches Empfinden unabdingbar, um als Klavierbauer arbeiten zu können. „Bei einem Flügel steckt in der Klangfarbe der Zeitgeist“, erklärt Michael Becker. So haben Instrumente, die zwischen 1900 und 1920 gebaut wurden, aus Sicht des Klavierbauers „einen spätromantischen Klang“, der sich sehr weich, warm und satt anhört. „Modernere Instrumente klingen dagegen brillanter, klarer, prägnanter, einfach transparenter“, weiß Becker. Langsam schwinge das Zeitgeistpendel wieder um, „der Klang ist heute wieder weicher als vor 20 Jahren“.

Nur einmal im Jahr nimmt Becker einen Auftrag im Umfang der Restaurierung des Bechstein-Flügels an. „Schon alleine aus Platzgründen, aber auch wegen dem enormen Aufwand“, sagt er. Bei 200 Arbeitsstunden höre er meist auf zu zählen, aber „alles in allem stecken gut 300 Stunden Arbeit in dem Stück“. Der Besitzer lässt sich den Spaß rund 8000 Euro kosten, bei einem Gesamtwert des Flügels von schätzungsweise 20 000 Euro jedoch eine lohnenden Investition. „Ein Flügel ist eine Wertanlage, trotzdem muss der Besitzer eine persönliche Beziehung zu dem Instrument haben, sonst lohnt sich das nicht“, meint Michael Becker.

Drei Monate steht der Bechstein-Flügel in Beckers Werkstatt, ehe er zu seinem Besitzer zurück kann. Ansonsten werden Klaviere von dem 44-Jährigen restauriert oder repariert. „Die wohl schwierigste, aber auch tollste Arbeit hatte ich mit einem Steinway-Flügel von 1890, dessen komplette Mechanik erneuert werden musste“, schwärmt Becker. Eine wahre Herausforderung, die er jedoch meistern konnte. Das Handwerkliche seines Berufes ist für Becker immer wieder eine angenehme Abwechslung zum Geschäftsalltag. „Zahlreiche andere Klavierbauer führen Reparaturen wie diese nicht mehr selber aus. Sie fahren das Instrument lieber nach Polen und lassen dort für ein Drittel des Preises arbeiten“, weiß Becker.

Der Besitzer des Bechstein-Flügels dürfte jedenfalls zufrieden sein, wenn er demnächst das erste Mal auf dem generalüberholten Stück spielen darf. Mindestens 20 Jahre wird er sich nach Beckers Schätzung garantiert an dem neuen, sauberen Klang erfreuen dürfen, ehe wieder ein Klavierbauer Hand an das Instrument anlegen muss.

 

Michael Becker hat das gesamte Innenleben des wertvollen Bechstein-Flügels herausgenommen. Drei Monate braucht der 44-jährige Fachmann aus Euskirchen, um das Instrument wieder auf Vordermann zu bringen.

KSTA
KoelnerRundschau